2013: Wach auf, soziale Demokratie!
2012 war ein lehrreiches Jahr für die soziale Demokratie. Sie hat in Deutschland keinen Schritt nach vorne gemacht. Sie zerfasert sich in verschiedene Strömungen. Sie schweigt zu zentralen Fragen. Sie spielt im Netz.
Sie ist unglaubwürdig. Sie plappert vor sich hin. Sie überlässt die Politik den Rechten und den getarnten Rechten in CDU, SPD, Bündnis90/Grünen, FDP.
Sie analysiert nichts mehr tiefgründig. Sie hat keine Basis mehr an den Hochschulen. Sie überlässt die Medien und die Öffentlichkeit den Apologeten des Kapitals, der Reaktion und der Dummheit. Sie sitzt in den Talkshows und gibt Sprechblasen von sich.
Sie menschelt. Sie gibt Netzkommentare ab, in denen es um Schimären geht. Sie fragt, wer mit wem kann und wer nicht. Sie lässt sich treiben. Sie will ihren Alltag genießen. Sie hat keine Prinzipien. Sie denkt unter dem Tellerrand durch.
Die soziale Demokratie hat kein Bild von Gesellschaft mehr. Sie redet vom Turbokapitalismus - wie Merkel & Co. Sie weiß nicht, wie die Klassengesellschaft heute funktioniert. Sie hat kein Feindbild und keine Utopie. Sie relativiert alles. Sie sagt nichts Klares. Sie liegt an der Kette des Systems. Sie will am Tisch der Herrschaften sitzen und am Buffet naschen.
Sie ist in der Vitrine gefangen. Sie will auch einen Pokal haben. Eine eigene Stiftung. Ein bisschen was zum Erben. Ein schönes Auto. Ein nettes Loft. Ein Pöstchen mit sicherer Rente. Einen Platz an der Sonne. Die soziale Demokratie ist in einem armseligen Zustand. Sie hat Angst. Sie weicht zurück, ohne dass sie jemand angreift. Sie hat die Schere im Kopf.
2013 muss die soziale Demokratie aufwachen. Sie hat in diesem Land eine bewusste Basis von 30 Prozent und eine Klassenbasis von 80 Prozent der Bevölkerung. Sie kann sich den normalen Menschen zuwenden. Sie kann für die Rechte der Arbeitnehmer und Freiberufler eintreten. Sie kann den Gewerkschaften beitreten. Sie kann sich verständigen und gemeinsam vorgehen. Sie kann sich neu aufstellen. Sie kann sich weiterbilden. Sie kann sich organisatorisch zusammenschließen - Linke, Piraten, Attac, DGB, Foren, Jusos, Multikulti und alle anderen können aktiv werden und den Strom des Landes in die Hand nehmen. Sie kann mal ein Dokument von 1890 zur Hand nehmen und sich fragen, was daraus 2013 folgt - das Erfurter Programm der deutschen Sozialdemokratie. Sie kann sich mal wieder mit dem Ende der bürgerlichen Gesellschaft befassen. Sie kann Marx neu lesen und herausfinden, dass die sogenannte Bankenkrise seine Analyse jetzt und heute bestätigt.
Sie kann feststellen, dass die Profitrate tendenziell fällt, weil Menschen entwertet werden. Sie kann anfangen, an einer Gesellschaft zu stricken, in der es jeder und jedem gut geht und die keine Millionäre braucht.
Die soziale Demokratie kann sich ihrer selbst bewusst werden, Demokratie, Sozialismus, Umwelterhaltung und Kultur durchsetzen. Sie muss nur aufwachen und sich verknüpfen - mit sich selbst und dem riesigen Teil der Gesellschaft, der die Zukunft des Lebens garantieren kann.
2012 war ein lehrreiches Jahr für die soziale Demokratie - wenn sie 2013 neu für diese Ziele streitet.